Integra gGmbH - Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Arbeit

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Neues Projekt der Integra bereitet junge Erwachsene mit Behinderung auf selbstbestimmte Wohn- und Lebensformen vor

Erbach. Welcher junge Erwachsene träumt nicht von einem Leben in den eigenen vier Wänden? Eigenständig in einer Wohnung zu leben bedeutet jedoch viel mehr, als nur ein paar Zimmer für sich selbst zu haben. Kochen, Putzen, Einkaufen sind leidige Pflichten, gehören aber dazu. Ab Oktober 2010 startet der Bereich Offene Hilfen der Integra GmbH ein neues Projekt. Mit Unterstützung von Aktion Mensch wird im Odenwald eine Wohnschule für Menschen mit Behinderung entstehen. Junge Erwachsene mit Behinderungen lernen dort ein selbstständiges und unabhängiges Leben zu führen. Sie werden unter fachlicher Anleitung in mehreren Schritten auf das Wohnen und Leben in den eigenen vier Wänden vorbereitet. Das kann eine eigene Wohnung sein – mit Begleitung so viel wie nötig und so wenig wie möglich, eine Wohngemeinschaft – mit Begleitung oder auch eine Außenwohngruppe eines Wohnheims.

Angelica Stietz, Leiterin der Offenen Hilfen, hatte vor etwa einem halben Jahr die Idee, eine Brücke vom Ambulanten Dienst zum Betreuten Wohnen zu schlagen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Gruppen des Ambulanten Dienstes sind mittlerweile erwachsen geworden und möchten von zu Hause ausziehen. Da der Schritt ins Betreute Wohnen jedoch noch zu groß ist, wird ein Übergang geschaffen, in dem sie sich langsam auf ein selbstständiges Leben vorbereiten können. Wohnschulen gibt es erst seit kurzem und nur vereinzelt in Deutschland. Die Idee kommt aus der Schweiz, wo schon seit 1986 nach diesem Konzept gearbeitet wird. Für den Odenwald übernimmt die Integra hier die Vorreiterrolle.
In Gesprächen mit Eltern und der Schule am Drachenfeld wurde der Bedarf eines solchen Bildungsangebotes ermittelt. Wie Angelica Stietz und Torsten Arnold, der Projektleiter, in diesen Gesprächen erfahren haben, ist das Interesse, an einem solchen Angebot groß. Schon vor dem Startschuss gibt es Interessenten zwischen 18 und 45 Jahren. Viele junge Leute mit Behinderungen leben derzeit noch bei ihren Eltern und werden dort mit allem versorgt, was sie brauchen. Genau hier sieht Torsten Arnold das Kernproblem: “Die Eltern realisieren oft nicht, dass ihnen die Betreuung im Alter zunehmend schwerer fallen wird. Und was passiert, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind oder für sie sorgen können?” Häufig bleibt dann nur der Weg ins Heim, vermutet der Heilpädagoge, weil dem Sohn oder der Tochter zu Hause vieles abgenommen wurde und sie nicht in der Lage sind selbstständig zu leben. Deshalb soll die Wohnschule als Schule des Lebens diese jungen Menschen auf ein Leben in Selbstbestimmung und Unabhängigkeit langsam und Schritt für Schritt vorbereiten.

„Mit der finanziellen Unterstützung von Aktion Mensch steht der Umsetzung der Wohnschule nichts mehr im Wege“, so Torsten Arnold von dem Bereich Offenen Hilfen der Integra. „Zunächst werden wir ein Konzept erarbeiten. Daraus ergeben sich dann die einzelnen Bausteine und Lerninhalte“, so Arnold weiter. Um selbstständig allein oder mit anderen wohnen und im Alltag bestehen zu können, braucht man viele Fähigkeiten und Fertigkeiten. Gemeinsam mit anderen kann man durch praktisches Tun diese Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, neue Freundinnen und Freunde kennenlernen oder auch beim Probewohnen erfahren, wie es sich anfühlt, selbstständig zu wohnen. Geplant sind Trainingseinheiten für alle Lebensbereiche, wie Wohnen, Freizeit, Partnerschaft und Liebe, soziales Leben, Kommunikation, Mobilität sowie Schrift- und Geldverkehr. Die Intensität der Trainingseinheiten steigert sich nach den Entwicklungsschritten der Teilnehmenden. Nach anfänglichen zwei Treffen in der Woche à drei Stunden am Nachmittag und Abend wird sich jede Gruppe nach der Einarbeitungsphase ca. 12 Stunden in der Woche treffen. Je nach Tätigkeit, der die Wohnschüler in der Regel nachgehen, findet das Wohntraining am Wochenende und von Montag bis Freitag statt.
Die Wohnschule beginnt in den Räumen der Werkstatt für behinderte Menschen in Mümling-Grumbach. Dort befindet sich eine große Küche, Aufenthaltsraum, sowie Waschmaschine, Bügelmöglichkeiten etc.
Die Teilnehmenden schlafen in der Regel zu Hause, gehen in die Schule oder sind bereits in einer Maßnahme oder im Berufsbildungsbereich. Je nach individueller Entwicklung und Situation sind immer öfters Treffen und auch Übernachtungen außerhalb von zu Hause vorgesehen.
Im zweiten Schritt wird eine Wohnung angemietet, in der die ersten Wohnschüler zur Probe wohnen. Dort finden intensivere Trainingseinheiten statt. Hier wird erprobt, wie sich das selbstständige Wohnen für jeden Einzelnen gestaltet.
Die Wohnschüler, die nach dem Training in das Betreute Wohnen vermittelt werden, werden von den Mitarbeiterinnen der Wohnschule nach betreut. Im Übrigen können sie weiterhin an den Freizeitaktivitäten des Ambulanten Dienstes teilnehmen.
Voraussetzung für eine Teilnahme als Wohnschüler ist, dass der behinderte Mensch ein selbstständiges Leben führen möchte und die Angehörigen, gesetzliche Betreuer etc. das Vorhaben unterstützen. Die Integra setzt deshalb auf eine aktive und engagierte Elternarbeit. Ebenfalls unter fachlicher Anleitung sollen die Eltern mit eigenen Angeboten das Projekt ehrenamtlich begleiten. Manch ein Vater oder eine Mutter kann seine handwerklichen Fähigkeiten oder Koch- und Backkünste weiter geben. Die Eltern werden somit von Beginn an mit eingebunden und können ihre „Kinder“ jederzeit besuchen. Gleichzeitig werden die Eltern bei dem Ablösungsprozess durch Gespräche begleitet.
Nach dem Besuch der Wohnschule steht jedem Teilnehmer frei, wo er nach dem Projekt wohnen wird. Es werden auch enge Kontakte zu Einrichtungen anderer Träger gepflegt.
Nähere Informationen zum Projekt „Schule des Lebens – Wohnschule für Menschen mit Behinderung“ erteilt Torsten Arnold vom Bereich Offene Hilfen der Integra unter der Rufnummer (06062) 9440-52 oder (0151) 544 35 207.